His Master's Voice: Natur als offenes System
 
von M. Flitner
 
Die Natur als ein System: Klingt das nicht von vorneherein viel zu mechanisch, viel zu geschlossen und technokratisch? Die Natur wollen wir uns doch lieber organisch vorstellen, grenzenlos und gewachsen. Alles fließt. Alles verändert sich. Ewiges Werden und Vergehen. System: das klingt eher nach Warschauer Pakt und 4-4-2-Fußball, nach Lego und Lotto-Gewinnstrategien. Nicht sehr aufregend und erst recht nicht Inbegriff des Natürlichen.
 
 
Schon das "System der Natur", das der schwedische Botaniker Carl von Linné im 18. Jahrhundert entwarf, war eine dröge Ordnung von Namen, für die meisten Betrachter etwa so interessant wie das Telefonbuch einer nicht bekannten Stadt oder die Schlagwortnormdatei der Deutschen Bibliothek. Nicht dass da nur Belangloses drinstünde, ganz im Gegenteil. Linné klassifizierte die Pflanzen nach der äußeren Beschaffenheit ihrer Fortpflanzungsorgane und legte damit die Grundlage für die moderne Systematik und Benennung aller Lebensformen. Kleine Verirrungen und Vorurteile in diesem System, so etwa dass er die höhere Stufe der Klassen nach der Zahl männlicher Organe unterschied, während er an den weiblichen nur die darunterstehenden Ordnungen differenzieren mochte, interessieren die Biologen heute kaum noch. Das Linnésche System ist flexibel genug und vor allem so brauchbar, dass seine Schwächen und Grenzen gern verziehen werden. In etwas entschlackter Form wirkte es dann schon bald wie ein "natürliches System".
 
Und genau nach so etwas hungern ja die Biologen bis heute: ein wenig Halt zu finden in dem unentwirrbaren Chaos, das sie umgibt. Großartig sind sie gescheitert in ihrem Versuch, die belebte Welt in ein System zu bringen, alles auch nur systematisch zu benennen: Nach 250 Jahren in denen die Wissenschaft insgesamt explodiert ist, kennen wir immer noch nur einen Bruchteil der Organismen, die es nach plausiblen Schätzungen auf dem Planeten Erde gibt, auch nur dem Namen nach. Vor allem die großen Tiere und Pflanzen sind es, die bekannt sind und sie überwiegen absolut weder der Zahl noch der Masse nach. Von ihrer Lebensweise, ihren äußeren Ansprüchen, kennen wir erst recht nur Bruchstücke, von ihren Beziehungen unter einander ganz zu schweigen. Da hilft uns auch der allgegenwärtige Begriff des Ökosystems nicht viel weiter, mit all seinen Subsystemen, die mancher Gartenbesitzer in seinen Teichen und Beeten wiedererkennt. Irgendwie hängt alles zusammen - aber wie eigentlich, und was ist in so einem System "alles"?
 
Ganz abschließen lässt sich schon das System Gartenteich kaum, das lehren praktisch die Blätter und Mückenlarven, die wir dort nicht haben wollen und die sich trotzdem früher oder später einfinden. Auch auf abstrakterem Niveau wird rasch einsichtig, dass gewisse Material- und Energieflüsse da hinein- und hinausströmen: die Sonnenstrahlung, der Kohlenstoff aus der Luft, usw. Da wird es bald eher schwierig, überhaupt wieder Grenzen zu ziehen und plausible Unterscheidungen zu treffen. Der Teich, die Algen, die Atmosphäre: auf jeder Ebene lässt sich das eingängiger als ein mehr oder weniger offenes System beschreiben, ein System, das jedenfalls in bestimmten Aspekten offen ist oder offen sein muss.
 
 
Unterstützung erfährt diese Sicht im 20. Jahrhundert, in dem unser Wissen vom System der Natur auf grundlegende Grenzen stößt. Die Physik meldet starke Zweifel an, dass wir von irgendeinem System überhaupt Kenntnis erlangen können, ohne damit in Wechselwirkung zu treten. Die Beobachtenden, so heißt es, verändern immer schon das Beobachtete. Subjekt und Objekt wirken aufeinander ein. Kein Messgerät ist ohne Einfluss auf die Messgröße.  
Für unsere alltäglichen, recht groben Beobachtungen der Natur da draußen mögen diese Effekte ziemlich unbedeutend sein. Was stört es unser Bild vom Schmetterling, wenn einige Photonen auf seine Flügel träufeln? Unsere Systematik der Natur ist häufig auf einer viel plumperen Ebene ein intervenierender Akt: Erst im Prozess ihrer Öffnung, Nutzung oder Zerstörung lernen wir die Tropenwälder und Korallenriffe kennen, erst mit dem anthropogenen Klimawandel erfahren wir die Bedürfnisse und Grenzen vieler Organismen, erst mit dem Artensterben entsteht ein theoretisches Konzept der "Biodiversität". Im südostasiatischen Laos etwa sind heute Dutzende von Forschungsteams unterwegs, die Flüsse und Wälder biologisch erfassen - eine groß angelegte Begleitforschung zu den gigantischen Staudammprojekten, die für viele Tierarten fast im selben Moment, in dem sie wissenschaftlich erstmals benannt werden, auch schon das Ende bedeuten.
 
Die Natur als offenes System wäre demnach nicht nur zwischen Entropie und Quantenmechanik anzusiedeln sondern auch zwischen Wirtschaftsinteressen und nachhaltiger Nutzung. Die Perspektiven von der Selbstorganisation natürlicher Prozesse, von dissipativen Strukturen, die sich fern des thermodynamischen Gleichgewichts herausbilden, und von irreversibler Zeitlichkeit der Natur sind theoretisch faszinierend. Vielleicht stehen sie uns mit ihrem allzu entfernten und objektivierenden Blick dennoch etwas im Weg, ein offenes System Natur vor allem als Produkt der Menschen zu erkennen. Dies gilt nicht nur auf der bereits benannten Ebene der tätigen, produktiven und destruktiven menschlichen Eingriffe in die Natur. Vor allem gilt dies im Hinblick auf die kulturellen Herstellung und Abgrenzung dessen, was als Natur gilt: Die Natur im Gegensatz zum Gemachten, zur Kultur, zur Gesellschaft; die Natur, die anscheinend emotional immer wichtiger und moralisch immer richtiger wird; die Natur, die ästhetische Richtschnur oder Quelle der Inspiration ist; die Natur, die nicht in der naturwissenschaftlichen Betrachtung aufgeht.
 
 
Gerade in diesen Bereichen können wir wohl mit voller Berechtigung von einem offenen System Natur sprechen, ja wir müssen geradezu davon sprechen. Die Natur als Sphäre des Denkens, der Einsicht und des Kreativen ist heute offener denn je. Die Grenzen zwischen simulierten Flutkatastrophen und modellierten Klimaszenarien, zwischen Jurassic Park und Naturgeschichte, werden ebenso verflüssigt wie diejenigen zwischen künstlicher Erlebniswelt und authentischem Naturerlebnis, zwischen dem Schwein auf dem Teller und den Schweinen im Museum, zwischen Taxonomie und Tierliebe.
 
Nipper, der legendäre Hund, der fasziniert auf das Grammophon starrt und der Stimme seines Herrn lauscht, mag ein Sinnbild für diese Art offener Natur sein. Ein Mischling, der uns Musik verkaufen soll, teils kommerzielles Markenzeichen, teils schon historisches Kulturgut, Sinnbild einer Natur, die Natürlichkeit verheißt, die aber ganz und gar domestiziert ist und nach ihrem Herren lechzt. His Master's Voice: ein Hund mit offenen Ohren, ein offener Schalltrichter, und - manchmal - ist auch Musik dazwischen, am Ende.
 
 
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