Open Systems: Kunst, Technik, Kreativität.
 
von Hans - Joachim Braun
 
 
Das Denken in geschlossenen Systemen stößt seit einiger Zeit an seine Grenzen, "Ausblendungen" nicht systemkompatibler Elemente sowie Unschärfen an den Systemgrenzen nehmen zu. Es wird allenthalben deutlich, dass in unserer "reflexiven Moderne" (U. Beck) ein Streben nach dem "one best way" oft wenig Sinn macht. Wichtige Probleme erfordern als Antwort kein traditionelles "so oder so", sondern ein "so und so".
 
 
Dies spiegelt sich auch in Kunst, Wissenschaft und Technik wider; Chaostheorie und "fuzzy logic" sind nicht nur in den Naturwissenschaften akzeptierte Hilfsmittel für Problemlösungen. Ein Ansatz wie "Open Systems" steht hiermit im konzeptionellen Zusammenhang und erweist seine Nützlichkeit sowohl in der Kunst als auch in der Technik, wobei Elemente der Technik im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine immer größere Bedeutung für die Kunst gewonnen haben. Zwar verfolgt Technik, dem Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann zufolge, mit rationalen Mitteln einen Zweck, während Kunst einen "zwecklosen Zweck" verfolgt, also Selbstzweck ist. In der Praxis sind jedoch Technik und Kunst keineswegs deutlich voneinander zu trennen. So weisen technische Artefakte einen Formulierungsüberschuss auf, der deutlich über die (technische) Zweckbestimmung der Produkte hinausgeht und als künstlerische Qualität wahrnehmbar ist. Der Begriff "Konstruktion" spielt, wenn auch mit Bedeutungsdifferenzierungen, in beiden Bereichen eine Rolle.
 
In der Kunst und bisweilen auch in der Technik wirkt avantgardistisches Schaffen "anstößig". Man muss sich diesen Begriff auf der Zunge zergehen lassen, um festzustellen, dass im ursprünglichen Wortsinne damit keineswegs negative Konnotationen verbunden waren. Auch sollte Kunst nicht "eindeutig", sondern "zwei-" oder "mehrdeutig" sein - wiederum im landläufigen Verständnis kein positiv besetzter Begriff - und unterschiedliche Interpretationen "aushalten" können. Konflikte sind dabei einzukalkulieren, wobei, dem noch immer zu wenig bekannten großen Komponisten Edgard Varèse (1885 - 1965) zufolge, der Avantgardist nicht seiner Zeit voraus ist, sondern die Zeitgenossen dem Avantgardisten hinterherhinken.
 
 
Eine Überschreitung von Systemgrenzen erfordert nicht nur Konfliktbereitschaft, sondern auch Kreativität. Obwohl dieser Begriff durch flache Werbung und flotten Managementjargon fast zu einer Leerformel verkommen ist, sollte man bei kritischen Stellungnahmen nicht das Kind mit dem Bade ausschütten: Zwar ist Kreativität nach wie vor schwierig zu bestimmen, geschweige denn exakt zu messen, klar ist jedoch, dass Persönlichkeitsmerkmale wie intellektuelle Neugier und Aufgeschlossenheit, geistige Flexibilität, Autonomie, Nonkonformismus und Risikobereitschaft sowie Durchhaltevermögen und das Aushalten von Ambiguitäten Eigenschaften sind, die hervorragende Vorraussetzungen für innovative Tätigkeiten bieten. Ob diese Persönlichkeitsmerkmale im künstlerischen oder im technischen Kontext fruchtbar werden, macht häufig keinen Unterschied; in Architektur und Design sind die Grenzen ohnehin fließend. Dass diese Eigenschaften heute wichtiger sind denn je, steht außer Frage. Zwar ist Kreativität nur in Grenzen lehr- und lernbar, das Schaffen günstiger Vorraussetzungen ist aber eine eminent politische Aufgabe.
 
 
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