von Albert Scherr

Worin besteht die Faszination systemtheoretischen Denkens? Eine Antwort auf diese Frage lautet, dass es die Augen für komplexe, nicht lineare und nicht mit einfachen Ursache-Wirkungs-Modellen begreifbare Zusammenhänge öffnet und damit eine differenzierte Beschreibung der sozialen Wirklichkeit ermöglicht. Hinzu kommt, dass Systemtheorie etablierte soziale Strukturen als historisch entstandene und keineswegs alternativlose Problembearbeitungen in den Blick nimmt, also darauf zielt, innovative Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Dabei kann aber, und darum soll es im Folgenden vor allem gehen, nicht davon abgesehen werden, dass Systembildung mit Strukturbildungen und Schließungen einhergeht, die erhebliche Hindernisse für Innovationsversuche darstellen.

Soziale Systeme sind umweltoffene, aber zugleich operativ geschlossene Systeme. Mit dieser Formulierung weist der moderne Klassiker der soziologischen Systemtheorie, Niklas Luhmann, auf einen folgenreichen Sachverhalt hin: Soziale Systeme, also etwa Freundschafts- und Intimbeziehungen, Familien, Gruppen und Organisationen, aber auch die großformatigen Funktionssysteme (das Erziehungssystem, das Rechtsystem und das Wirtschaftsystem usw.) entstehen, indem sie sich von ihrer Umwelt unterscheiden. Sie etablieren eine Grenze, die markiert, was zum System und was zur Umwelt gehört. Wenn die Grenzziehung unmöglich wird, löst sich ein System auf. Oder anders formuliert: Systeme sind Prozesse, in denen die Unterscheidung von System und Umwelt immer wieder neu hergestellt wird. Systembildung beruht also auf Abgrenzung.

Weshalb macht es gleichwohl Sinn, von offenen Systemen zu reden? Das einschlägige Argument lautet: Systeme sind keine selbstgenügsamen Zusammenhänge, sie sind darauf verwiesen, Energien und Informationen aus ihrer Umwelt zu beziehen. Systembildung ist Strukturbildung in einer Umwelt, umweltabhängige Strukturbildung. Geschlossenheit und Offenheit sind folglich zwei Seiten der selben Medaille, nicht unabhängig voneinander zu denken.

Im Fall von sozialen Systemen wird der Umweltkontakt über die Wahrnehmung von Individuen hergestellt. Denn soziale Systeme haben keine Augen und Ohren, sie sprechen auch nicht. Ohne Bewusstsein und Sprachfähigkeit kommt keine Kommunikation, also keine soziale Systembildung zustande. Damit liegt die Vorstellung nahe, dass Individuen Systeme beeinflussen können, dass „wir“ über Möglichkeiten verfügen, auf systemische Strukturen und Prozesse einzuwirken.

Das Erleben, Denken und Handeln von Individuen wird in der theoretischen Perspektive der systemtheoretischen Soziologie gleichwohl nicht in den sozialen Systemen, sondern in ihrer Umwelt verortet. Denn, so die einleuchtende Überlegung, niemand gehört mit allen seinen Gefühlen, Gedanken und Handlungen einem System an. Und gerade das Leben in der Umwelt der Systeme verschafft den Einzelnen die für die Lebensführung in der modernen Gesellschaft charakteristischen Freiheitsgrade und Entscheidungsmöglichkeiten - es gibt keine totale soziale Kontrolle, die von einer einzigen Institution ausgeübt wird. Die Kehrseite dessen ist die immer wieder kulturkritisch beklagte Heimat- oder Ortlosigkeit des modernen Individuums: Es findet keinen sozialen Zusammenhang, in dem sein ganzes Leben aufgehoben ist.

Umgekehrt gilt: Kein soziales System ist in der Lage, alles, was für die Individuen bedeutsam ist, aufzugreifen. Soziale Systeme beziehen sich in hoch selektiver Weise auf die Fähigkeiten und Leistungen von Individuen. Die Grenzziehung zwischen System und Umwelt wird durch Kommunikationsfilter bewerkstelligt, die nur das durchlassen, was für das jeweilige System relevant ist. Systemeigene Strukturen legen also fest, wofür jeweilige Systeme offen sind und was sie ausschließen.

Zur Verdeutlichung: Wer beim morgendlichen Brötchenkauf versucht, die Verkäuferin in eine politische Diskussion zu verwickeln, muss mit Irritation und Abwehr rechnen, denn die Verkäuferin kann sich jederzeit darauf berufen, dass der Einkauf im Bäckerladen als wirtschaftliche Kommunikation gerahmt ist, dass es eigentlich also nur erwartbar ist, dass über Angebot und Nachfrage, Produkte und Preise gesprochen wird, von den üblichen Höflichkeitsfloskeln abgesehnen. Wer im Betrieb einfordert, dass unter Kollegen Zeit und Raum für Diskussionen über die Kunst, Kultur oder Sport zur Verfügung stehen soll, wird auf die Pausen und den Feierabend verwiesen. Und so weiter. Damit entlasten sich soziale Systeme von einer Überflutung durch Kommunikationszumutungen und auch individuell stellt es eine Entlastung dar, nicht jederzeit mit jedem über alles reden zu müssen.

Gewöhnlich gelingt es, sich in der eigenen Selbstpräsentation und dem eigenen Kommunikationsverhalten routiniert an den Kommunikationsbegrenzungen auszurichten, die jeweilige soziale Kontexte charakterisieren. Die Systemgrenzen werden dann nicht als harte Begrenzungen der eigenen Möglichkeiten erfahren. Denn als „normale“, psychisch intakte und sozial unauffällige Individuen gelten wir in dem Maß, wie wir gelernt haben, uns wie selbstverständlich an den etablierten Kommunikationsregeln zu orientieren - oder zumindest ein Eindruck zu erwecken, dass wir dazu in der Lage sind. Wem dies dauerhaft misslingt - wer seine Individualität undiszipliniert artikuliert - der muss damit rechnen, auf die Angebote der Psychotherapie verwiesen oder gar in geschlossene Einrichtungen eingewiesen werden.

Soziale Systeme - und dies gilt in besonderer Weise für die einflussreichsten Systemtypus moderner Gesellschaften, für Organisationen - verfügen zudem noch über eine andere und für die individuelle Lebensführung hoch folgenreiche Möglichkeit der Schließung: Organisationen sind soziale Systeme mit „Exklusionsbefugnis“, d.h. sie können über die Teilnahme von Individuen nach systemeigenen Kalkülen entscheiden. Niemand wird prinzipiell von Teilnahme am Wirtschaftssystem ausgeschlossen, aber niemand hat das Recht, in einem konkreten Betrieb einen Arbeitsplatz einzufordern. Jedes Kind hat das Recht auf schulische Erziehung und Bildung, aber Schulen können Schüler von weiterer Unterrichtsteilnahme ausschließen, wenn es ihnen gelingt, erfolgreich zu bestreiten, dass hinreichende Leistungsfähigkeit und -bereitschaft besteht.

An diesen Beispielen wird deutlich: Wir führen unser Leben in der Umwelt der sozialen Systeme und sind in hohem Maß von der Teilnahme an deren Leistungen abhängig, etwa von liebender oder fürsorglicher Kommunikation in Intimbeziehungen, Krankheitsbehandlungen in den Organisationen des Gesundheitssystems und nicht zuletzt von Erwerbsarbeit im Wirtschaftssystem. Aber der individuelle Zugang zu diesen Leistungen ist nicht garantiert, denn die prinzipiell offenen Systeme operieren mit der Möglichkeit, Teilnahme an je bestimmte Bedingungen zu knüpfen und die Zahl der zulässigen Teilnehmer zu begrenzen.

Hierin ist eine Ursache dafür zu sehen, dass sich in der modernen Gesellschaft - trotz steigenden Wohlstands - Hilfsbedürftigkeit vervielfältigt. Hilfsbedürftigkeit resultiert nicht „nur“ aus ökonomischer Armut, sondern aus dem Scheitern an den Zugangsschwellen unterschiedlicher sozialer Systeme.

Für den Umgang mit solcher Hilfsbedürftigkeit sehen wohlfahrstaatliche Gesellschaften eine spezialisierte Institution vor: die Soziale Arbeit. SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen sind darauf spezialisiert, die Folgen und Nebenfolgen des Scheiterns an den Anforderungen sozialer Systeme - insbesondere von Familien, Schulen und Erwerbsarbeit - zu diagnostizieren und Individuen zu befähigen bzw. zu motivieren, sich an jeweiligen Anforderungen auszurichten. Das misslingt jedoch immer dann, wenn auf der Systemseite kein Bedarf besteht. Dann beschränkt sich Soziale Arbeit darauf, die Folgen entsprechenden Scheiterns etwas erträglicher zu machen. Denn die Soziale Arbeit kann keine Liebesbeziehungen, keine Familien und keine betrieblichen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

Im Scheitern und Leiden der Betroffenen wird sichtbar, dass die offenen Systeme mit harten Grenzziehungen operieren.