von Achim Prossek

Viele Arten sind denkbar, das System Architektur zu öffnen. Schließlich sind die Baukunst und ihre Stile, ist der Aufbau von Gebäuden oder Städten eine ebenso komplexe wie dynamische Angelegenheit. Um zwei soll es hier gehen. Die erste liegt in der Mechanik des Sytems: Indem man den Systemgedanken radikalisiert, erreicht man eine Offenheit, wie sie unter normalen Bedingungen nicht möglich wäre. Die zweite liegt in der Reduktion des planerischen Eingreifens, im Gestaltungsverzicht. Die Offenheit ergibt sich in diesem Fall aus der Lücke, die gelassen wird. Die Option auf Öffnung liegt nicht mehr im System, sondern an seinem Rand. Die Strategien sind gegensätzlich, haben aber beide das Individuum und seine Freiheit im Blick. Beide Male wird Architektur als Ermöglichungsinstrument verstanden.

Offenheit im System: die Megastruktur

Es erscheint paradox, dass gerade in der konsequenten, totalen Systematisierung des Bauens das Moment der Öffnung und Individualisierung liegen soll. Sind wir heute doch gewohnt, das Gegenteil anzunehmen. Der Gedanke konnte zu einer Zeit entstehen, in der Mechanisierung und Industrialisierung noch gesellschaftsverbessernde Kraft zugeschrieben wurden. Neue Städte wurden konzipiert.Yona Friedmans "Spatial City" zum Beispiel, 1958 erstmals vorgestellt, war der Versuch einer architektonisch-systematischen Lösung für die städtebaulichen Probleme der Zeit. Der Entwurf sah eine neue Stadt in etwa zwanzig Metern Höhe vor, die sich dort unendlich ausbreiten konnte. Zunächst sollte ein Gerüst als Rahmen errichtet werden, der dann von den Bewohnern individuell nach eigenen Bedürfnissen mit Elementen gefüllt werden konnte. Während das Raum-Rahmen-Gitter den festgelegten Teil der Stadt bilden sollte, sollten alle Elemente, die von den Benutzern selbst errichtet werden, flexibel sein. Diese mobile Architektur, wie Friedman sie nannte, sollte einen Freiheitsgewinn bescheren, der die Individuen zu Bauherren ihrer Umgebung macht und den Einfluss des Architekten minimiert. Architektur wäre auch nicht mehr gezwungen, örtliche Zugeständnisse oder andere Konzessionen zu machen. Die Spatial City würde bestehende Strukturen nicht tangieren; sie ist an jedem Ort in jedem Klima, notfalls über bestehenden Städten zu realisieren.

Die Flexibilität, die Offenheit der Architektur, kann also in diesem Falle nur erreicht werden, indem Bauen in zwei Teile zerfällt: den feststehenden Rahmen, der das Gerüst der neuen Stadt bildet, und die mobilen Bestandteile, die einzelnen Stücke, die standardisiert sein müssen, damit sie überall im Rahmen an- und einbaubar sind. Dies entspricht dem Gedanken der industriellen, rationalen Fertigung: Mit einer möglichst geringen Anzahl von Grundelementen soll eine möglichst große Realisierungsvielfalt erreicht werden, um allen Anforderungen gerecht werden zu können.

Aus der Stadt wird bei Friedman und den anderen Megastrukturalisten ein einzelnes, gigantisches Bauwerk. Die schiere Größe trägt der Idee den Vorwurf der inhumanen Form ein. Yona Friedman hat die prinzipelle Realisierbarkeit seiner Spatial City zwar jüngst wieder in einem Interview betont - bezeichnenderweise in einem Modemagazin -, aber Verwirklichungschancen gibt es gleichwohl nicht. Trotzdem, oder gerade deshalb haben seine Entwürfe Bestand. Gerade ihr Charakter als unbaubare Utopie lässt sie länger als manch errichtetes Bauwerk existieren.

Offenheit als System: der Zwischenraum

Die gestalterischen Eingriffe in das Gesamtsystem Stadt erfolgen seit längerem kleinteilig und kleinräumig. Diese Reduktion lässt einige Räume vom Zugriff unangetastet, was das Entstehen ungeplanter Entwicklungen begünstigt. Man kann diese Räume daher Möglichkeitsräume nennen. Die entstehen auch dort, wo Räume aus der Verwertungspflicht entlassen worden sind. Dann sind mehr und andere Nutzungen möglich als ursprünglich vorgesehen. Der Begriff des Möglichkeitsraums bezeichnet daher weniger eine konkrete räumliche Situation als seine optionale Situiertheit. An diesen Stellen verändert sich das System, es erreicht den Zustand, den es an seinen Rändern stets hat: es wird porös.

Die Agglomeration ist vielleicht die städtische Form mit den meisten systemischen Rändern, Schnittstellen dieser Art. In der Architektur der Agglomeration - sie ist flächig, polyzentral und durchmischt - kann deshalb ihr eigentliches Potential gesehen werden: Die verschiedenen Raumnutzungen sind von kleinräumigen Wechseln gekennzeichnet. Die Übergangsfläche zwischen den Systemen ist damit groß, sie ist größer als in der kompakten Stadt. Und da das Gesamtsystem prinzipell unerfahrbar ist, kann Anschlussfähigkeit nur an den Schnittstellen hergestellt werden. Nur dort kann es sich für das Ungeplante, Unerwartete, Unbekannte öffnen - wenn Einzelne diese Möglichkeit zu nutzen wissen. Die Vorsilbe Un wäre dann ein Versprechen auf eine andere, weitere Welt. Denn die Architektur des Möglichkeitsraumes ist assoziativ, phantastisch, flüchtig, sie ist hyperreal.