HERne | Samstag
19 :: NOVEMBER · 05
Flottmann-Hallen
15.00h | Hörraum 2

Eintritt frei!


Im Bi Yän Lu, einer Sammlung von Zen Koan aus dem elften Jahrhundert findet sich die Geschichte eines Meisters, der, nach Erleuchtung, Weg und letzter Wirklichkeit befragt, auf alle drei Fragen mal für mal die selbe Antwort wiederholt: Den Trommelschlag verstehen.

Auf einem internationalen Theaterfestival in Ungarn sagt weniger als sechsunddreißig Stunden vor dem Auftritt ein zentrales Ensemble ersatzlos ab. Kein anderes Theater von Rang ist in diesem Zeitraum und zu diesen Konditionen zu bekommen. Das ganze Festival ist aufs höchste gefährdet.

Doch nach weniger als sechsunddreißig Stunden findet eine Veranstaltung vor achthundert begeisterten Zuschauern statt, die allen, die sie miterlebten, unvergesslich bleibt. Das Publikum, rein ungarischsprachig, versteht in den zwei erlebten Stunden kein Wort. Überhaupt fallen nur zwei oder drei Sätze verständlicher Sprache am ganzen Abend. Im Grunde genommen ist die Veranstaltung auch nicht Theater zu nennen gewesen, obwohl die ungarische Presse von einem großen experimentellen Theatererlebnis spricht. Der fast halbstündige Applaus gilt einem einzelnen Künstler, seinem Schlagzeug und einem großen Haufen bunter Eimer, Trümmer, Rohre, Folien und Plastikspielzeuge. Die Veranstalter hatten im letzten Moment die rettende Idee gehabt. Sie hatten Hans Kanty angerufen.

Hans Kanty war ein Künstler, der es verstand, mutterseelenallein mit sich selbst wie mit der ganzen Welt eine Spielkunst aus dem Stegreif zu entwickeln, die über Theater wie auch über Musik weit hinausging. Tote Requisiten wurden in seinen Händen lebendig, ihr Geräusch wurde zu einer Stimme. Und Hans war in der Lage auf diese Stimme zu hören, auf sie einzugehen und mit ihr ein sinnvolles Gespräch aufzunehmen. Er übersetze den Dialog zwischen einer Trommel, einem Kochtopf und einem Schlauch in vier Schluck Wasser. In seinen Fingern erzählte ein Blechkanister Geschichten. Hans war der einzige Künstler der in der Lage war, ein auf der Bühne laut weinendes Spielzeug zu trösten.

Hans war ein Künstler des Staunens. Was er musikalisch tat, das komponierte, erfand oder kreierte er weniger als das er es entdeckte. Er stolperte in seine Ideen hinein wie Hans Guck in die Luft in das Hafenwasser, tauchte unter und entdeckte sie staunend. Was er da entdeckte, entzückte ihn und dieses Entzücken teilte er mit uns. Er spielte, wie ein Kind spielt, das sich entzückt in sein Spiel verliert. Hans war es möglich mit allem auf der ganzen Welt zu spielen, und alles mit der ganzen Welt zu spielen, was möglich war. Wenn Hans spielte, kam alles womit er spielte zu Wort und alle, die ihn hörten, lernten etwas über die ganze Welt.

Hans war mehr als humorvoll, er war im Besitz der Reinform des Humors. Sein Humor kam nicht aus der Kritik, der Satire, dem Spott oder dem Hohn. Er war durch und durch liebevoll. Hans selbst war der Clown, der alles, über das er stolperte, liebenswert und farbenfroh machte. Sein großes Herz führte seinen Körper über alle Fallen hinüber und in jeden Porzellanladen hinein. Offenheit über alle Grenzen der Musik hinweg war seine Art in der Musik und auf der Bühne zu leben.

Das wichtigste jedoch war, das Hans all das, was er in seiner Kunst zum Ausdruck brachte, selbst verkörperte. Wir haben einen offenen, liebevollen, stärkenden und begeisternden Freund verloren. Ich denke an Hans als an einen reinen Menschen, von Herzen offen und bereit alles mitzuerleben und mitzuempfinden. Ein Mensch, dessen Gegenwart einen verregneten Nachmittag zum Fest und zähe Wartestunden in der Garderobe zur Weltentdeckung machen konnte. Stets mutig wie ehrlich und unmittelbar, verneinte er nicht nur Hierarchien und gesellschaftliche Attitüde, sie existierten für ihn nicht. Seine Art und sein Umgang waren von seinem Herzen geprägt, das aus dem Vollen lieben, bewundern und erschaffen konnte.

Die Katze in Alice im Wunderland verschwindet vor den Augen von Alice. Doch wenn sie eigentlich bereits verschwunden ist, ist immer noch ihr Lächeln zu sehen, und wenn auch dies Lächeln nicht mehr zu sehen ist, so ist es doch noch irgendwie im Raum oder zwischen den Ästen der Bäume vorhanden. So wird Hansens Lächeln für mich immer bleiben. Es war das Lächeln eines Menschen, der die Welt durch seine Wahrnehmung und Anwesenheit allein zum Wunderland machen konnte.

Den Trommelschlag verstehen!

Rupert J. Seidl

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