Elemente eines theoretischen Denkens in "offenen Systemen"
 
von Katharina Liebsch
 
 
Vor dem Hintergrund gesellschaftstheoretischer Theoriebildung ist "open systems" als ein Hinweis darauf zu verstehen, dass sich heute keine begrifflichen Rahmenkonzepte mehr finden lassen, mit deren Hilfe die vielfältigen empirischen Befunde und Beschreibungen systematisiert oder gar interpretiert werden könnten. Weder Ratio noch Logik, weder Moral noch Doktrin, weder Religion noch Wissenschaft stellen übergreifend gültige Deutungsmuster zur Verfügung, mit denen sich die Welt und das umfassende Wissen über sie verstehen ließe. Einst umfassende Erklärungsmuster haben heute lediglich spezifische Deutungsfunktion, sind kontextabhängig, stehen in einem besonderen Verhältnis zu weiteren Deutungszusammenhängen. Es macht keinen Sinn, ausschließlich einer Begriffsperspektive zu folgen - beispielsweise engt eine Perspektive von moralischer Verpflichtung die Sichtweise auf gesellschaftliche Bereiche wie die Geldwirtschaft, das Recht oder die Politik auf kritisch-ablehnende oder negative Betrachtungsweisen ein und lässt Aspekte dieser Bereiche unberücksichtigt, die nach anderen Kriterien oder Gesichtspunkten organisiert sind. Die Fülle von Wissen ist auch unter zur Hilfenahme mehrer Perspektiven nicht integrierbar. Vielmehr stellen sich angesichts verschiedener begrifflicher Bemühungen Fragen nach Funktionen, nach Unterschieden und Differenzen wie auch Relationen verschiedener Begriffsrahmen zueinander.
 
 
Die Komplexität der Welt macht ein bewegliches Denken erforderlich, das sich fremde Denkräume und Wahrnehmungen erschließen und sich anderen Denkstilen anverwandeln kann. Dazu gehört auch, die Betrachtung des Gegenstandes offen zu halten und eine Anschlussfähigkeit mit verschiedenen Gesellschaftsbereichen, mit positiven und negativen Seiten heutiger Gesellschaften zu versuchen. Damit ist ein Denken des Ganzen, Einheitlichen und Endgültigem zwangsläufig relativiert. Denken in "offenen Systemen" heisst immer, dass Verschiedenes miteinander verglichen wird, dass nicht auf Unterschiede, sondern auf Unterscheidungen reflektiert wird und dass Bezeichnungen zwar notwendig, aber immer auch zufällig sind. Statt Vorstellungen zu verwenden, die mit einem Wesen, einer Essenz oder Totalität operieren, zielt "open systems" auf die Verkettungen von aufeinander bezogenen Ereignissen.
 
"open systems" ist ein Kommunikationsprinzip, das sowohl produktiv wie auch reproduktiv wirkt. Eine, vermeintlich offensichtliche Funktion von Kommunikationsvorgängsen ist es, Informationen weiter zu geben. Dieser Informationstransfer ist begleitet von diversen Mechanismen der Kontrolle, Filterung, chaotischer Dynamik, Mustererkennung, Erinnerung, kollektivem und kooperativem Verhalten. Der Soziologe Niklas Luhmann hat hinsichtlich eines systemtheoretischen Verständnis von Kommunikation nun aber betont, dass Kommunikation weniger in der gelingenden oder mißlingenden Übertragung von Nachrichten, Information oder Verständigungsbemühungen begründet sei, sondern vielmehr in der Erzeugung von Information durch Kommunikation liegt. Im Luhmannschen Verständnis gibt es keine vorab aller Kommunikation existierenden Informationen, die dann durch ein handelndes Subjekt zusammen gesetzt werden. Stattdessen versteht er Informationen als Selektionen, die überhaupt erst durch die Kommunikation konstitutiert werden. Jenseits der Kommunikation gibt es keine Information, keine Mitteilung und kein Verstehen. Information und Kommunikation stehen in einem Verhältnis der wechselseitigen Voraussetzungen. Sie sind zirkulär und basieren auf selbstorganisierenden und selbsterzeugenden, emergenten, reflexiven und autopoietischen Mechanismen.
 
 
Dies ist für die Suche nach neuen Zielperspektiven von Kunst, Ästhetik und Performance, wie sie in diesem Festival angestrebt wird, eine bedenkenswerte These. Sie legt nahe, dass auch in ästhetischer Kommunikation immer zwei Versionen produziert werden, eine Version, die auf- und angenommen wird und eine die abgelehnt wird, die in anschließender Kommunikation nicht wieder aufgegriffen und weiter verwendet wird. Die ästhetische Realität, die durch musikalische Kommunikation erzeugt wird, gilt kraft Unterstellung ihrer Geltung und schafft ein Wert-Gefüge, das Schönheit, Angemessenheit und Qualität bestimmt. Die, die mit diesem Gefüge nicht einverstanden sind, müssen sich melden und durch Modifikation, Auswahl und Ablehnung neue Präferenzen, Interessen und Programme begründen. Die Last der Überzeugung liegt bei den Opponierenden, die nicht auf den selbstverstärkenden Effekt der Wiederholung und Bekanntheit bauen können. Da immer mehr kommunikative Bezugsmöglichkeiten möglich und impliziert sind, als im folgenden Kommunikationsakt thematisiert werden, sind Modifikation und Ablehnung schwierige, nur eingeschränkt aussichtsreiche Unterfangen. Es gibt also in rekursiven, sich selbst erzeugenden kommunikativen Zusammenhängen eine kommunikative Benachteiligung des Widerspruchs. Entgegen dem Postulat der Offenheit sind Systeme auch immer geschlossene, auf sich selbst bezogene Komplexe.
 
Andererseits beinhaltet das Prinzip der Selbsterzeugung die theoretische Möglichkeit eines anhaltenden Potentials für Neuerungen. So steht beispielsweise das ästhetisch-künstlerische System in kommunikativem Kontakt mit dem kulturellen System oder dem politischen System und realisiert sich, indem es den unendlichen Überschuss an Verweisungen, die in der Begegnung dieser verschiedenen Systeme möglich sind, durch Selektionen abarbeitet. Die Unerschöpflichkeit der möglichen Verweisungen gewährleistet, dass es mit dem systemischen Operieren, dem Kommunizieren, immer weiter geht. Zugleich wird die Komplexität dieser Unerschöpflichkeit systemisch reduziert und durch einen selektiven Zugriff, eine momentane Auswahl aus verschiedenen Optionen reduziert. Wichtig für den Gedanken von "open systems" ist hier, dass das Verweisungsgefüge anderer Möglichkeiten nicht zerstört, sondern für weitere Kommunikationen quasi im Hintergrund erhalten bleibt. Jede Auswahl enthält gleichsam den Hinweis auf mehr oder weniger wahrscheinliche Anschlussmöglichkeiten. Sinn verweist immer auf weiteren Sinn. Mit der Aktualisierung eines einzelnen Kommunikationsereignisses werden bestimmte Möglichkeiten der Anschlusskommunikation bereitgehalten. Welche von ihnen jeweils aktualisiert werden, ist dabei zufällig. Man kann und könnte auch immer anders weiter machen.
 
 
Diese Annahme einer prinzipiellen Kontingenz systemischer Selektion hält für ein theoretisches Verständnis von "Offenheit" die Option bereit, Ausweglosigkeiten und ein Mangel an Innovation und Kreativität nicht als grundlegend und als zwangsläufig begreifen zu müssen. Weder Apokalypsen und anthropologische Dilemmata noch kapitalistische Gesetzmäßigkeiten und emotionale und psychische Deformation stellen im Rahmen eines Denkens von "offenen Systemen" eine Erklärung für einen Mangel an alternativen Sinnkonstruktionen, Kommunikationsformen und Operationen der Differenz und des Widerspruchs dar. Zwar gibt es nach wie vor gesellschaftliche und politische Bedingungen, unter denen z.B. Kunst und Kultur realisiert werden, aber diese sozialen Konstellationen sind nicht ursächlich, und schon gar nicht ausschließlich, dafür verantwortlich, ob das Prinzip von "open systems" sich produktiv erweitern oder traditionalistisch etablieren kann.
 
"open systems" als Kommunikationsprinzip begründet Kommunikationsakte, aus denen soziale Zusammenhänge oder Institutionen bzw. Konventionen entstehen. "open systems" konstituieren sich, indem aus der Fülle der Möglichkeiten eine Auswahl getroffen wird. Just diese Auswahl begründet das System, das als musikalisches Ereignis, als rhythmische Norm, als Installationskonzept oder auch als Schreibwerkstatt, als Nachrichtenredaktion oder als Text seine Systematik bekommt, und erst in seiner Form als "System" systematisierbar, d.h. erfahrbar, wiederholbar, dauerhaft und nachfolgend dann auch veränderbar ist. So sind "Systeme" die für die Erfahrung und die Wahrnehmung voraussetzungsvolle, quasi notwendige Form. Als Form sind "Systeme" aber immer nur vorübergehend, da sie auf Belebung, Aktivierung und Verwendung angewiesen ist. In diesem grundlegenden Angewiesen-Sein auf Neu-Verwendung und auf aktiver Wieder-Aneignung liegt die grundlegende "Offenheit" von "Systemen" begründet: Nur als "open systems" können sie sich erhalten und als Prinzip der Kommunikation wirksam bleiben und effektiv werden.
 
 
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